Krankenhaus 

Ich bin kein ängstlicher Mensch. Schon mein ganzes Leben komme ich weitestgehend ohne Angst aus. Enge Räume, Menschenmassen, Enten, ein Besuch beim Zahnarzt – lässt mich alles ziemlich kalt. Seit der Geburt meiner Kinder sind da natürlich Sorgen und so ein grundsätzliches Bewusstsein über Gefahren in mir gewachsen, aber das beeinflusst mein tägliches Leben nicht. Und als mein Arzt neulich sagte „Der Knoten wächst weiter. Wir sollten mal über eine Operation nachdenken.“, da habe ich mich auch direkt um einen Termin gekümmert. Ohne Angst. 

Aber wie das so ist – je mehr Leute fragen, ob ich mir wegen der Operation Sorgen mache, ob ich Angst habe, und ob denn da was passieren kann, desto mehr Gedanken macht man sich doch. Und jetzt weiß ich gar nicht mehr so genau, was ich darüber denken soll. Meine letzte Operation ist schon gut 25 Jahre her und ich bin sozusagen ein bisschen aus der Übung. 

Der Anlass ist gar nicht so dramatisch, wie das oben vielleicht klingt. Im letzten Jahr hatte ich ein paar Wochen Zeit, meinen alten Job hatte ich aufgegeben und den Vertrag für den neuen musste ich noch verhandeln. Also habe ich getan, was auch ein Mann mal tun muss: Ich bin zum Arzt gegangen und habe mich mal untersuchen lassen. Vorsorge nennt man das, oder auch „Check Up“. Und eigentlich waren wir mit der Nummer schon durch, als mir ein Gedanke in den Kopf kam: Meine Eltern und meine Schwester sind schon vor Jahren an der Schilddrüse operiert worden, aber ich hatte nie Beschwerden. Geht das? Ist das normal? Bin ich was besonderes?

Wie sich herausstellte, hatte der Arzt sich meine Schilddrüse noch gar nicht angesehen. Das gehört nämlich nicht zum normalen Vorsorge-Paket bei Männern über 35. Also haben wir das „mal eben“ nachgeholt, da stand auch zufällig so ein praktisches Ultraschall-Gerät rum. Und siehe da: Da war ein Knoten. 

Nun ist es bei einem Knoten in der Schilddrüse so, dass der alles oder gar nichts bedeuten können. Ist der „warm“ oder „kalt“? Bösartig oder nicht? Wächst er, oder ist er stabil? Und weil man das alles auch mit so einem schicken Ultraschall-Gerät nicht erkennen kann, muss man das untersuchen. So folgten Untersuchungen mit Kontrastmittel, zwei Szintigrafien, eine Biopsie und regelmäßige Kontrollen. 

Jetzt sind gut 18 Monate und 6 Messungen der Größe vergangen und das Ding kommt raus, auch wenn der Knoten nicht „bösartig“ ist. Er wächst halt. Nein, Angst habe ich immer noch nicht. Auch wenn theoretisch die Luftröhre oder der Nerv, der die Stimmbänder steuert, beschädigt werden könnten. Aber das passiert ja nur gaaaaaanz selten. 

Es wird schon alles gut werden. Wenn Sie mögen, können Sie ja in 12 Tagen einen Daumen drücken. Nur ganz kurz, vielleicht wenn Sie gerade im Stau stehen und gerade sowieso nichts zu tun haben. 

Ich habe das hier nur aufgeschrieben, um das mal loszuwerden. Sie werden von mir keine Ratschläge in der Richtung „Leben Sie jeden Tag so, als wäre es Ihr letzter!“ hören. Sowas kann sich nämlich kaum jemand leisten. 

Trotzdem: Alles Gute, vor allem Gesundheit! 

Beziehungen

Beziehungen sind eine feine Sache. Also, jedenfalls grundsätzlich. Manche sind schön, manche sind anstrengend, einige ganz frisch, andere schon ewig alt. Über jede Beziehung gibt es was zu erzählen. Und wenn es richtig gut läuft haben die Leute sich sogar innerhalb einer Beziehung was zu erzählen.

So weit, so gut. Klingt ja alles erst mal einfach und allgemein gültig. Ist es aber gar nicht. Das Problem mit der Allgemeingültigkeit fängt ja schon mit der Frage ab, ob eine Beziehung überhaupt gut ist.

Da gibt es die vielen Singles, die unheimlich viel Zeit, Herz und Hoffnung darauf verwenden (oder verschwenden), ganz bald endlich wieder in einer total glücklichen Beziehung zu sein, mit Herzchen und Blumen, mit Wünschen, die von den Augen abgelesen werden, viel Spaß und Zweisamkeit und Sex und gutem Sex und dann hat man den Eltern und den Kollegen und den Nachbarn endlich wieder was vorzuweisen.

Man muss ja nur mal nach 20 Uhr das Privatfernsehen einschalten und in den Werbeblöcken nicht gerade aufs Klo rennen. Neben Alkohol und Mitteln gegen Scheidenpilz sind da es doch oft diverse Single- und Dating-Portale, die neue Kunden suchen. Gäbe es dafür keinen Markt, gäbe es auch nicht so viel Werbung dafür. Das ist wie in den Wochen vor einer Fußball-Weltmeisterschaft: Dafür interessieren sich unfassbar viele Leute, also gibt es Chips, Bier, Würstchen und Klopapier mit irgendwelchen Bildern, Zeichen, Logos, Sprüchen zur WM. Mal unter uns: Dass sich alle 11 Minuten ein Single bei Parship verliebt, habe ich noch nie angezweifelt. Dass der andere Single sich aber zufällig auch verliebt hat, auch noch zufällig in genau diese Person, die beiden sich dann treffen, kennen lernen, Babys machen und fortan zusammen in einer Seifenblase durch die Welt fliegen, das passiert vermutlich eher selten.

Naja, was ich eigentlich sagen wollte ist das: Singles wünschen sich dem Vernehmen nach oft eine Beziehung, weil eine Beziehung was Gutes ist. Jedenfalls besser, als alleine zu sein. Aber auch das gilt nicht immer. Neulich hat mir eine hübsche, junge Frau erzählt, sie habe da einen Kerl getroffen. Sie „daten“ sich jetzt schon eine ganze Weile, wie man das heutzutage sagt, verstehen sich gut und im Prinzip passt alles. Aber er möchte ihre Geschichte nicht in den Status einer Beziehung erheben, das vor sich und seinen Freunden nicht so bezeichnen und auch nicht so leben. Warum auch immer. „Ist das nicht verrückt? Manche One-Night-Stands wirst du nie wieder los. Und der Typ will einfach nicht mein Freund sein!?“, hat sie gesagt. Verrückt, ja.

Umgekehrt haben diejenigen, die in einer Beziehung sind, manchmal das Gefühl… also… hm. Wie sagt man das jetzt? Versuchen wir es mal so: Es gibt einige Menschen, die sich in Beziehungen befinden, die den Singles bestimmte Aspekte ihres Single-Daseins neiden. Und das ist vielleicht auch gar nicht so schlimm. Wahrscheinlich werden auch Sie bestätigen, dass sich Leute aus Ihrem privaten oder beruflichen Umfeld in Beziehungen befinden, die Fragen aufwerfen: Wie hält die das mit dem Spinner nur aus? Der betrügt die doch bestimmt ständig! Sind die nur noch wegen der Kinder zusammen? Wieso gehen die sich ständig so auf die Nerven? Warum trennen die sich nicht endlich? Hat der Angst vor ihr? Und so weiter.

In jeder Beziehung gibt es Meinungsverschiedenheiten. Wenn es gut läuft kann man das dann irgendwie ohne körperliche Auseinandersetzung lösen. (MIT löst man es übrigens nie.) Worum geht es bei diesen Meinungsverschiedenheiten? Die Gründe dafür sind so unterschiedlich, wie wir Menschen auch. Die Wäsche, die liegenbleibt, die Zahnpasta Tube, die nicht zugedreht wird, der Klodeckel, der nicht runtergeklappt wird, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Oft sind es Kleinigkeiten, die dann doch zu einem großen Thema werden. Natürlich auch Untreue, Lügen, finanzielle Sorgen oder andere kapitale Gründe.

Das Problem bei vielen dieser Auseinandersetzung ist doch, dass die Beteiligten diese oft gerne gewinnen wollen. Und wo einer gewinnt, muss ein anderer verlieren. Wie bei einem Fußballspiel, da wollen auch beide Parteien gewinnen. Aber während es in jedem Stadion eine große Anzeigentafel gibt, auf der man nicht nur den Spielstand ablesen kann, sondern oft auch – zumindest im Nachhinein – strittige Szenen nochmal in Zeitlupe analysieren kann, bleiben Situationen innerhalb einer Beziehung oft schwierig in der Beurteilung. Beide fühlen sich im Recht, was irgendwie doof ist. Oder beide fühlen sich als Verlierer, was auch blöd ist. Es gibt nicht immer Mittelwege, Kompromisse. Die Zahnpasta Tube halb zudrehen, macht keinen Sinn. Und einen Klodeckel, der halb zugeklappt stehen bleibt, habe ich auch noch nie gesehen. Also geht es um Verhaltensänderungen: ICH will erreichen, dass DU dich in Zukunft anders verhältst, als bisher. Und entweder klappt das, oder nicht.

Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, wie ich darauf komme. Das ist eine sehr kluge Frage und Sie haben damit bewiesen, dass Sie sehr klug sind und mitdenken. Und darum will ich Ihnen das gerne beantworten: Wie das oft nach ein paar Jahren passiert haben meine Frau und ich einen großen gemeinsamen Freundeskreis. Familien mit Kindern und zwei Autos und Eigenheimen, Spießer wie wir. Die Frauen verstehen sich gut, die Männer auch. Jeder ist anders, und dass ist auch gut so. Und in diesem Freundeskreis geht gerade eine Ehe kaputt. Die Details erspare ich Ihnen, die gehen Sie auch gar nichts an, aber dieses Kapitel von „Beziehung“ haben Singles ganz sicher nicht im Kopf, wenn sie nach vorne gucken.

In einer von Klischees durchsetzen Welt ist es ja so, dass Frauen in schwierigen Situationen oft Kontakt zu anderen Frauen, vermeintlich Gleichgesinnten, suchen. Und Männer mit Männern. Was nun bei unseren Freunden passiert ist ja auch ganz logisch, SIE tauscht sich viel mit meiner Frau über die aktuelle Situation aus, und ER sich mit mir. Und damit wird es auch für uns kompliziert. Reden wir darüber? Erzählen wir einander, was der jeweils andere weiß oder gehört hat? Machen wir uns zusammen ein Bild um zu versuchen, den beiden zu helfen? Können wir das überhaupt, oder dürfen wir das?

Nein. Wir dürfen das nicht, können das nicht und wollen das auch nicht. Das ist deren Thema. Jeder kann nur einzeln zuhören, Mut zusprechen oder seine Meinung sagen. Aber mehr auch nicht. Das ist nicht unser Leben. Also werden wir – auch wenn das nicht schön ist – den beiden dabei zusehen, wie sie wieder zusammen finden, oder für immer getrennte Wege gehen.

Aber eins haben wir daraus für uns gelernt und besprochen: Wenn es bei uns mal aus ist, wir keine Lust mehr aufeinander haben, dann wollen wir es anders machen. Vernünftiger. Leiser. Schonender für alle Beteiligten. Hoffentlich schaffen wir das, falls es notwendig wird. Irgendwann.

Puh, ganz schön schwere Kost, ne? Für Sie sicher nicht so, wie für mich, und ich höre jetzt auch auf. Aber nicht, ohne eine kurze Zusammenfassung zu schreiben:

Es ist kompliziert. Immer.

 

 

Menschenskinder

Heute verrate ich Ihnen mal ein nicht ganz so gut gehütetes Geheimnis: Ich wohne im Rheinland. Im Rheinland sind gerade Herbstferien. Und wenn man (wie ich) Kinder hat, nutzt man die Herbstferien gerne mal für ein paar Urlaubstage an der Küste in Holland. Das ist ein kurzer Sprung über die Grenze, einmal links, zweimal rechts, ein Stück geradeaus und man ist schon da.

(Nur zur Sicherheit hier ein Hinweis an diejenigen, die sich gerne an den Fehlern anderer Menschen laben und sich über diese mit Kritzeleien an jeder Wand in jedem Klohäuschen auslassen: Mir ist bekannt, dass das Land ‚Niederlande‘ heißt, und dass ‚Holland‘ korrekt nur einen Teil davon benennt. Ich bediene mich jedoch absichtlich und im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten der umgangssprachlichen Kurzform. Wie Sie das finden, ist mir egal.)

Jeder macht ja irgendwie anders Urlaub. Die einen fahren in die tollsten Stadthotels, andere in den All-in-Beachclub, mit dem Zelt auf den Campingplatz oder mit dem Wohnmobil von Ort zu Ort. Eine in Holland übliche und weit verbreitete Urlaubsform ist, ein Ferienhaus zu mieten. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es an der holländischen Küste ungefähr eine Fantastilliarde Ferienhäuser gibt. Ob die Ferienhäuser jetzt das Huhn und die Urlauber das Ei sind, und was zuerst da war, ist eigentlich egal. Es geht hier in meiner kleinen Geschichte auch gar nicht so sehr um das Wesen des Ferienhauses an sich, sondern um eine der… sagen wir mal „Konsequenzen“.

Während man sich in den meisten Hotelzimmern kaum vorstellen kann, dort mit mehr als einer Person über länger als drei Tage zu wohnen, ohne dass jemand körperliche Gewalt anwenden will, gibt es Ferienhäuser in allen erdenklichen Formen, Farben und Größen. Man „muss“ also nicht allein oder nur mit der eigenen Familie, sondern „kann“ auch zum Beispiel mit mehreren Familien zusammen Urlaub machen, mit 6, 8, 10 oder manchmal sogar bis zu 16 Personen. Und in der letzten Woche war ich Teil einer solchen Konstellation. Nicht zum ersten Mal, sicher auch nicht zum letzten Mal. 

Ohne jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen: Sowas muss man sich gut überlegen. Denn, und an diese Sache gehen viele Leute eher naiv heran, wo andere Familien sind, da sind auch meistens andere Kinder, mit denen man dann mehr oder weniger zwangsläufig mehr oder weniger seiner freien Zeit verbringt. Und wenn ich in meinem Leben eins gelernt habe, dann das: Der Umgang mit anderer Leute Kinder hat unheimlich viel mit Disziplin und Selbstbeherrschung zu tun. 

So war es also: Ein paar Erwachsene, ein Haufen Kinder, und ich mittendrin. In den sieben Tagen in dieser Wohngemeinschaft sind mir ein paar Dinge deutlicher bewusst geworden.

1. Jedes Kind ist anders.

2. Mir gehen die Kinder anderer Leute (und ihre Eltern) oft auf die Nerven.

3. Meine eigenen Kinder finde ich irgendwie lässiger und gesellschaftsfähiger, als viele andere.

Punkt 1. wird vermutlich jeder akzeptieren. Und Punkt 3. werden die meisten Eltern (hoffentlich) über ihre eigenen Kinder genau so sagen. Aber zu Punkt 2. kann man (in diesem Fall ich) noch etwas ergänzen.

Wer ist schuld daran, dass mir anderer Leute Kinder auf die Nerven gehen? Die Kinder selber? Mitnichten, die können in den seltensten Fällen etwas dafür. (Klammern wir hier einfach mal die oft diskutierte Möglichkeit aus, dass manche Kinder von Natur aus Arschlöcher sein könnten.) Es sind vielmehr die Eltern selber. Mir fällt in letzter Zeit immer häufiger auf, dass viele Eltern versuchen, ihre Kinder mit einer Mischung aus pädagogisch wertvollen und größtenteils antiautoritären Verhaltensvorschlägen, ergänzt durch Appelle an das Gemüt und die Gefühle, zu wichtigen und guten Teilen der Gesellschaft zu machen. Ich habe keine Ahnung, ob die sich das bei der Supernanny abgeguckt oder die falschen Bücher gelesen haben. Das mag auch vereinzelt funktionieren, sagen wir mal in ein bis vier Fällen von hundert. In vielen der restlichen Fälle gehen diese Familien ihrer Umwelt aber mächtig auf den Sack.

Jetzt mal ganz im Ernst. Wenn ein Kind mit 6 Jahren mit voller Absicht ein volles Glas über den voll besetzten Tisch ausschüttet, dann bringt die Reaktion 

„Och Schatzihasi, das macht mich aber jetzt wirklich traurig. Ich würde mich viel mehr freuen, wenn du das nicht machen würdest. Geh doch lieber was malen, ja?“

einen Scheiß. Natürlich muss und darf man auch nicht körperlich reagieren, aber man kann schon mal mit bestimmten Worten klare Grenzen setzen, ohne gleich ausfallend zu werden. Und diese Grenzen beschützen, notfalls auch mal mit (angemessenen) Sanktionen. Und damit sollte man auch nicht erst anfangen, wenn das Abitur kurz bevorsteht. 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will niemandem Tipps für die richtige Kindererziehung geben. Ich selber habe mit Sicherheit einen eher geringen Anteil daran, dass meine Kinder ziemlich cool sind und mit anderen Leuten – groß und klein – echt gut zurecht kommen. Aber ich beobachte inzwischen seit gut vierzig Jahren das bunte Treiben auf dieser Erde. Ich war auch mal Kind und bin heute Vater. Ich darf eine Meinung haben und diese aufschreiben. Niemand muss sich angesprochen fühlen, aber diese Sätze mussten aufgeschrieben werden. Und niemand hat Sie gezwungen, sie zu lesen. 

Das war es auch schon. 

Koellesterin und die Sache mit dem Stau

Am Samstag war Köln mal wieder der Nabel der Welt. Menschen aus allen Winkeln der Republik haben sich mit Flugzeug, Bahn oder Auto auf den Weg gemacht um Leute zu treffen, die sie sonst in erster Linie über ihre Kurztexte kennen. Ein Twittertreffen, von manchen geliebt, von anderen verachtet – #KollesterinX. 

Jeder hat da ja seine eigenen Erwartungen und Erfahrungen. Von den 10 Veranstaltungen dieser Reihe war ich nun bei sieben dabei, manches ist jedes Mal neu, anderes kehrt immer wieder. Eine Konstante ist bei mir die Begrüßung: Entweder fragt man mich, ob ich auf dem Weg nach Köln im Stau gestanden hätte (das wird meistens von einem freundlichen Gesichtsausdruck begleitet), oder es ertönt ein „Ach, der mit dem Stau.“ (der Gesichtsausdruck ist dann nicht immer so freundlich). Natürlich gibt es auch andere Formen, mit Körperkontakt und so, das sind dann meistens die Leute, die ich schon mal getroffen habe. Aber es gibt auf jeden Fall eine enge Verbindung zwischen mir (bzw. meinem Twitter-Account) und stehenden Autos. 

Obligatorisch sind bei jedem Treffen dieser Art die Fragen, ob das mit dem Stau wirklich alles echt ist oder ich Bilder aus einem Archiv verwende, wie ich das aushalte, warum ich nicht früher oder später oder mit der Bahn fahre, etc. Manche freuen sich über dieses fast tägliche Ritual, andere sind eher genervt. Naja, jedenfalls möchte ich an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, ein paar Dinge zu erklären. 

  1. Warum? Mein Arbeitgeber hat seinen Sitz in einer Stadt, in die jeden Tag mehrere hunderttausend Arbeitnehmer pendeln. Wie ich auch. Da sind Staus quasi eine logische Konsequenz. 
  2. Sind die Bilder immer „live“? Ja, das sind sie. Kein Stau, kein Bild, kein Tweet. Regeln muss man auch mal brechen, aber bei dieser bin ich konsequent. 
  3. Wie hältst du das aus? Wissen Sie, das ist relativ einfach. Wenn man Kinder hat und dazu noch einen Job, in dem man im Wesentlichen mit Menschen redet, da ist so eine halbe oder dreiviertel Stunde Ruhe eine wirklich feine Sache. Ich habe sonst kaum mal Gelegenheit, ohne Ablenkung über Dinge nachzudenken, Lösungen für Probleme zu suchen, und so weiter. Also ist das gar nicht so schlimm, wie es wirken mag. 
  4. Geht das für immer so weiter? Keine Ahnung. Ich dachte mal „Wenn du 50 Sterne (ja, das ist schon eine Weile her) für ein Staubild bekommst, hörst du auf!“ Das hab ich dann aber nicht gemacht. Aber es gibt oft Phasen, in denen ich keine Lust habe, mir kein Text einfällt oder sonstwas. Irgendwann ist es vorbei. Mal sehen. 

So, mehr gibt es darüber eigentlich nicht zu wissen. 

Nochmal zurück zum Koellesterin: Wie jedes Mal hat auch diese Veranstaltung für viel Aufsehen gesorgt. Wie immer waren die Tickets schnell vergriffen, wie immer haben viele kurzfristig abgesagt, wie immer haben viele gelästert, wie immer gab es unzählige Tweets über Alkohol, Knutschereien und neue Paare und Fickerei wie im Swinger Club. Alles fein, das Gerede gehört dazu. Dann gab es noch das Theater, das die selbsternannte Queen of Interviews angezettelt hat, weil sie die „Regeln“ nicht verstanden hat, das war neu und lustig. Zumindest kurz. 

Eigentlich wollte ich dieses Mal nicht hingehen. Bin ich dann doch, „aus Gründen“, wie man so schön sagt. Nicht lang, ich bin nüchtern geblieben, das geht nämlich auch. Ich habe schöne Mädchen und kluge Jungs (und umgekehrt) getroffen. Da waren wieder Leute, die ich schon lange dämlich finde und das wird auch so bleiben. Und wieder ist da im Nachhinein der Zweifel, ob ich beim nächsten Mal wieder dabei sein will. Mal sehen. 

Zu diesen beiden Themen, die auf den ersten (und ehrlich gesagt auch auf den zweiten) Blick gar nicht so wahnsinnig viel miteinander zu tun haben, möchte ich nur noch eines sagen: Finden Sie es gut oder nicht, und ziehen Sie daraus Ihre Konsequenzen. Das liegt ganz bei Ihnen. Aber denken Sie doch mal darüber nach, ob die Welt wirklich besser wird, wenn Sie in der 87. Varianten geistreich und witzig und ironisch und bissig anderen Leute mitteilen, wie blöd die Leute sind, die sowas gut finden. 

Meilensteine

Es gibt diese Momente im Leben, in denen viele Menschen kurz innehalten. Man betrachtet, was bisher passiert ist und im besten Fall hat man Ideen, was danach kommen soll. Nach dem Motto: „So weit, so gut – und jetzt?“ Dieser Moment kann der Schulabschluss sein (zumindest bei denen, die einen haben), die Ausbildung, die Geburt eines Kindes, Hochzeit, Scheidung, was auch immer. Oder auch ein runder Geburtstag. Nennen wir das einfach mal „Meilensteine“.

Ich bin vor ein paar Tagen 40 geworden. Aus der Einleitung dieses Artikels können Sie sich jetzt vielleicht schon denken, was passiert ist: Ich habe innegehalten. Kurz. Und nachgedacht. Mit den Details will ich Sie lieber verschonen, aber einen Gedanken will ich doch gerne mit Ihnen teilen: „War das jetzt der Halbzeitpfiff?“

Ohne hier unnötig Spannung aufzubauen: Ich glaube nicht. Statistisch wäre es wohl ungefähr so, die Lebenserwartung von Männern in unserer Gesellschaft liegt irgendwo zwischen 75 und 80 Jahren. Dennoch glaube ich, dass meine Generation aufgrund von medizinischem Fortschritt, mehr gesundheitlicher „Bildung“ und allgemeinen Bestrebungen nach einem langen und möglichst gesunden Leben die durchaus realistische Chance hat, vernünftig an die 100 zu kommen.

Und an dieser Stelle ein kleiner Exkurs, weil es fast hier hin passt: Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie am liebsten sterben würden? Viele Menschen, mit denen ich darüber spreche, sind sich darin einig, dass sie am liebsten friedlich einschlafen und dann nicht mehr aufwachen wollen. Aber das ist doch – mit Verlaub – Quatsch! Denn wer gesund schlafen geht, warum wacht er dann nicht mehr auf? Irgendeine Krankheit spielt da doch mit und die bringt bestimmt vorher auch irgendwelche Einschränkungen. Ich stelle mir das für mich so vor, dass ich mit ca. 86 Jahren (nur so als Richtwert) gesund und zufrieden irgendwo durch die Gegend schlendere, vielleicht auf dem Weg zum Friseur oder zum Bahnhof, und dann zum Beispiel ganz aus Versehen und von hinten erschossen werde. Zack! Tot. Kein Leiden, ein blöder Zufall. Vermutlich wird es anders kommen. Aber das ist ja bei vielen Dingen so, die man sich für die Zukunft vorstellt.

Na gut, kommen wir zurück zum Thema: Meilensteine. Wenn man also innehält und nachdenkt und das bewertet, was bisher war, dann kann man entweder zufrieden sein, oder nicht. Je unzufriedener man ist, desto mehr nimmt man sich wohl für die Zeit danach, also für die Zukunft, vor. Und je zufriedener man ist, desto lässiger kann man mit der aktuellen Situation umgehen. Ich wette auch Sie kennen jemand (Frau oder Mann) der Sorge oder sogar Angst vor einem runden Geburtstag hatte oder hat. Ob 30 („Scheiße, ich bin immer noch nicht verheiratet!“), 40 („Scheiße, ich bin immer noch mit dem Arsch verheiratet!“) oder 50 („Scheiße, ich muss immer noch fast 20 Jahre arbeiten!“) – das sind zwar alles keine so wahnsinnig großen Zahlen, aber wenn sich die erste Ziffer ändert sind eben mal wieder 10 Jahre rum, seit das zum letzten Mal passiert ist. 10 Jahre näher am Ende, sozusagen.

Zu dieser Sorge oder Angst habe ich eine Theorie: Je unzufriedener man mit dem ist, was bisher war, desto schlimmer sind solche Ereignisse. Unzufriedenheit ist ja eine negative Abweichung zwischen dem IST- und dem SOLL-Zustand. Und da sind wir auch schon an dem Punkt, wie man das vermeidet: Jeder hat es selbst in der Hand! Wer an seinem 40. Geburtstag total frustriert und mies drauf ist, der hat es selbst verkackt! (Natürlich gibt es Ausnahmen. Wenn ein besoffener Autofahrer meine Kinder totgefahren hätte, wäre ich auch richtig unglücklich, ohne es selber in der Hand zu haben. Ohne eine schlimme Krankheit tritt in mein Leben. Aber solche oder andere Tragödien erleben zum Glück nicht alle Menschen, deshalb blende ich das hier einfach aus. Ist ja mein Blog, da geht das.)

Die meisten Menschen haben Ziele im Leben. Ziemlich viele Menschen basteln sich in ihrem Kopf einen Plan, wie sie diese Ziele erreichen wollen. Und dann verfolgen sie diese Ziele, mehr oder weniger stringent, ehrgeizig, manche hoffen ihr Leben lang auf einen Lotto-Jackpot, der ihnen ein sorgloses Leben ermöglicht (was übrigens auch Blödsinn ist). Jeder macht es ein bisschen anders, jeder kommt unterschiedlich gut voran. Ist ja auch alles cool – man muss nur ab und zu mal checken, wie es denn so läuft.

„Ein schlechter Plan ist nur der, der keine Änderungen zulässt!“

Geiler Satz, oder? Den habe ich schon in meiner Diplomarbeit (für die jungen Leser: Das war so was Ähnliches wie Bachelor oder Master, irgendwo dazwischen, aber irgendwie anders und nicht so cool wie euer Zeug) zitiert. Er stammt angeblich von einem Philosophen aus dem antiken Griechenland, dessen Name mir entfallen ist. Ist aber auch egal, denn es ist die absolute Wahrheit. Sollte ich eines Tages eine Religion oder eine Sekte begründen, auf diesem Satz wird die ganze Nummer aufgebaut werden! Ich werde meinen Anhängern / Jüngern / Sklaven / Freunden / Wasauchimmer dann zurufen: „Ändert eure Pläne, wenn ihr sie sowieso nicht erreichen könnt! Sonst weint ihr viel mehr, als notwendig wäre!“

Ein Beispiel:

Ich bin jetzt mal eine Frau, ganz fiktiv. Ich bin Anfang 20, studiere irgendwas nettes und stelle mir vor, mit 40 Jahren möchte ich einen total in mich verliebten Mann haben, der mich jeden Tag mehrfach… äh… gut behandelt und immer Zeit für mich hat, drei entzückende, brave und kluge Kinder mit tollen Korkenzieherlocken, ein Haus, Hund, Katze, und das alles, während ich ziemlich lässig nebenbei als Vorstand (oder Vorständin?) eines DAX-Unternehmens arbeite. Halbtags, wegen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Knappe 15 Jahre später stelle ich (immer noch die gleiche Frau) fest, dass der Vater meines ersten Kindes ein Riesenarschloch ist und seinen Unterhaltsverpflichtungen nicht nachkommt. Die Idee, mit einem Studium in „Regionalwissenschaften Ostasien“ (Hauptfach) und „Japanischer Philologie“ (Nebenfach) einen DAX-Konzern zu leiten, fanden die Personaler irgendwie nicht so spannend, wie ich. Das Haus ist eine kleine und viel zu teure Wohnung im 4. Stock (ohne Aufzug), Hund und Katze gucke ich mir auf Youtube als Video an. Und es ist nicht mehr weit bis zu meinem 40. Geburtstag.

Vielleicht ahnen Sie, worauf ich hinaus will. Wenn ich meine Pläne oder Ziele nie dem angepasst habe, wie sich das Leben tatsächlich entwickelt, dann bleibt mir in dieser Situation eigentlich nur eine Lösung, nämlich mir im Darknet eine Knarre zu bestellen und mich selbst zu richten. Denn bis zu meinem 40. Geburtstag werde ich all die Abweichungen des IST von meinem damals erdachten SOLL-Zustand wohl kaum noch ausgleichen können. Das wäre ziemlich blöd und löst nicht ein einziges Problem.

Der bessere Fall wäre dieser: Nachdem das Arschloch mich und mein Kind hat sitzenlassen, habe ich meine Ziele überdacht und meinen Plan geändert. Ich habe entschieden eine zufriedene Frau zu sein, die für sich und ihr geliebtes Kind das Beste aus dem Leben herausholt. Ich leite keinen DAX-Konzern, dafür macht mir mein Job Spaß. Wir sind nicht reich, aber glücklich. Wir wohnen nicht in einem Haus, aber unsere Wohnung ist unsere Höhle, in der wir tun und lassen können, was wir wollen. Auf der Straße halten die Leute uns für bekloppt, weil wir verrückte Dinge tun. Unseren Urlaub verbringen wir nicht im Robinson Club auf Fuerteventura, sondern auf auf einem Campingplatz an der Nordsee.

Was ich damit sagen will: Halten Sie sich nicht verkrampft an irgendwelchen Zielen fest. Ändern Sie Pläne. Haben Sie Spaß mit dem was ist, und seien Sie gut zu anderen. Dann müssen Sie an Ihrem 30. oder 40. oder 50. Geburtstag auch nicht weinen. Sie würden sich und Ihrer Umwelt damit einen Gefallen tun. 

Herzlichst. 

Oktoberfest 

Am kommenden Samstag ist es wieder so weit: Das Oktoberfest in München öffnet seine Pforten. Und das schon zum ungefähr siebentausendsten Mal. Also strömen ab Samstag wieder Heerscharen von Menschen auf die Theresienwiese, um – gekleidet in lustige Trachten – Bierkrüge in die Luft zu stemmen. Und um Karussell zu fahren und viele andere spannende Dinge zu tun. The same procedure as every year.

Die Frage, warum das „Oktoberfest“ hauptsächlich im September stattfindet, habe ich mir nie beantwortet, obwohl sie mich schon beschäftigt hat. Wahrscheinlich wäre nur ein kurzer Besuch in den unendlichen und unergründlichen Quellen der Weisheit von Wikipedia notwendig, um das Rätsel zu lösen, aber dazu hatte ich bisher schlicht keine Lust. Die Antwort ist bestimmt total profan, so was wie „Die Weihnachtszeit ist ja auch die Zeit VOR Weihnachten.“, oder so. Die Enttäuschung erspare ich mir lieber. Dass die Party mal entstanden ist, weil der fesche Kronprinz Ludwig seine holde Therese geheiratet hat, ist wohl weitgehend bekannt. Warum daraus ein jahrhundertelanger Brauch geworden ist, eher nicht. Was soll’s, es ist halt so.

Als ich noch ein Halbstarker war dachte ich, dass ich da unbedingt mal dabei sein muss. Die lustigen „Dokumentationen“ auf RTLII über die besoffenen Italiener, Engländer und Australier, die extra nach München fahren und fliegen, um tagelang auf improvisierten Campingplätzen zu hausen und morgens den Auftrag „Wer als letztes kotzt, hat verloren!“ anzugehen, haben mich neugierig gemacht. Später, als Student, hatte ich meine Meinung dazu komplett geändert. Ich wollte auf gar keinen Fall dorthin, und das witzigerweise aus genau den gleichen Gründen, weshalb ich vorher unbedingt hin wollte. Dieses Trinkgelage, das erschien mir für einen klugen Jungakademiker doch irgendwie zu gewöhnlich.

Naja. Wer einmal seine Meinung ändert, der kann das natürlich auch nochmal machen. Und das hab ich dann auch gemacht. Grundsätzlich war ich irgendwann wieder bereit, mich auf das Oktoberfest einzulassen. Ich habe nur nicht eingesehen, warum man ein Vermögen für Anreise und Hotel (ich schlafe nämlich nicht auf Campingplätzen) ausgeben sollte, um an einer Party teilzunehmen, an die man sich – wenn man es richtig macht – hinterher kaum noch erinnern kann. An der Stelle kam dann irgendwann Freund Zufall ins Spiel. Mein damaliger Arbeitgeber hatte einen reservierten Tisch in einem der Festzelte, richtig schön mit vorbereiteter Schmankerlplatte, Fleisch und Kraut und Klößen und Nachtisch und zwischendurch Bier-Flatrate. Und ich war eingeladen. Alles inklusive, Flug und Hotel auf Kostenstelle. Geil.

So hatte ich meinen Erstkontakt mit dem Oktoberfest schließlich im Jahr 2011. Wenn man da quasi ohne Vorbereitung hinkommt, das ist schon sehr interessant. Schon der Versuch, mit einem Taxi zur Wiesn zu fahren, ist natürlich spätestens im Umkreis von zwei Kilometern um die Theresienwiese, zum Scheitern verurteilt. Sagt einem aber vorher keiner, der Taxifahrer sowieso nicht. Also kapituliert man und geht den Rest zu Fuß. Und das ist auch gut so, denn aus dem Taxi kann man die vielen volltrunkenen Leute, die einem schon am frühen Nachmittag entgegen kommen, gar nicht so gut sehen. Und riechen. Und die Kotzebröckchen auf den Karohemden, Dirndln und Haferlschuhen kann man von nahem, also beim Ausweichen auf dem Fußweg, auch viel besser erkennen. Voll schön, das steigert die Vorfreude.

Meine erste Wiesn war wahrscheinlich auch meine schönste. Nie wieder ist mir seither ein in ganz Deutschland bekannter Schauspieler besoffen vor die Füße gefallen. Nie wieder bin ich so leicht mit einem bekannten Sportreporter ins Gespräch gekommen (Ich habe ihn einfach angesprochen, schließlich kannte ich ihn ja gut. Dass er mich nicht kannte, haben wir beide erst viele Minuten später festgestellt). Nie wieder fand ich die kleinen Kinder in ihren Trachten und das, was man sonst vom Brauchtum mitbekommt, so sympathisch. Nie wieder bin ich mit so viel Begeisterung zum Singen und Tanzen auf die Bierbänke gesprungen und von ihnen wieder runtergefallen. Nie wieder war ich so enttäuscht, als gegen 22 Uhr auf einmal im Zelt das Licht anging und ich Schluss machen sollte. Und nie wieder hat mir der erste Schluck Wiesn-Bier so gut geschmeckt. Obwohl ich gerade das wirklich noch viele Male ausprobiert habe. Nie wieder war ich so unfassbar betrunken.

Dafür habe ich in den Jahren danach einige andere Dinge erlebt. Zum Beispiel, dass es beim Oktoberfest gar nicht nur ums Biertrinken geht. Auf der „Oide Wiesn“ kann man zum Beispiel nachempfinden, wie es dort früher (wahrscheinlich, so ungefähr) mal war, das finde ich wirklich ganz nett. Aber auch auf dem restlichen Gelände gibt es zwischen den modernen, schnellen, lauten Achterbahnen und Halsbrechern immer mal wieder ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, wie den Käfig voller Motorräder, die Kirmesboxer oder anderes. Man muss wohl erst ein bisschen Routine entwickeln, um einfach mal ohne konkretes Ziel und ohne Stress über das Gelände zu spazieren, um ein einigermaßen rundes Bild zu bekommen. Die Routine hilft auf jeden Fall dabei, einen Betrunkenen frühzeitig zu erkennen und auszuweichen, so dass man nicht unter ihm landet, wenn die Erdanziehungskraft schließlich stärker ist als er.

Und es gibt noch was „besonderes“. Wer immer noch denkt, dass es beim Oktoberfest in erster Linie ums Biertrinken geht, der irrt. Denn spätestens gegen 21 Uhr, wenn den Menschen bewusst wird, dass die Zelte bald schließen (außer dem Käfer, da ist ja immer länger noch was los), spätestens dann geht es nicht mehr ums Biertrinken, sondern in erster Linie ums Ficken. Wer alleine gekommen ist und nicht alleine bleiben möchte, der muss jetzt zum Zug kommen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie gut das zu funktionieren scheint.

Vermutlich hat jeder erwachsene Mensch schon mal von Sodom und Gomorra gehört. Allerdings war noch niemand dort – jedenfalls niemand, der heute noch unter den Lebenden weilen würde. Aber wenn Sie mal ein Gefühl dafür bekommen wollen, wie es damals zugegangen sein könnte, dann machen Sie doch mal nach 22 Uhr einen Spaziergang zwischen und hinter den Festzelten auf dem Oktoberfest. Wenn Sie es länger als 5 Minuten schaffen, dort kein fickendes Pärchen zu sehen, sollten Sie dringend mal zum Augenarzt gehen.

Bei dieser Orgie gehen die Jungs und die Mädchen übrigens offensichtlich gleichermaßen aktiv und aggressiv auf die Suche nach einem Spielgefährten. Alkohol macht attraktiv, die Hemmungen kann man ja auch mal an der Garderobe abgeben und los geht die wilde Fahrt. Im Liegen auf dem Weg, stehend am Zelt… Ich habe mich mal an einen Baum gelehnt, weil ich – bitte verzeihen Sie mir den Ausdruck – pissen musste, und ich habe tatsächlich erst nach gut einer Minute gemerkt, dass auf der anderen Seite des Baumes gerade, Sie ahnen es vielleicht, fleißig gefickt wurde. Da habe ich gelacht, den beiden einen schönen Abend gewünscht und bin auf die Jagd nach einem Taxi gegangen.

Ach ja, die Wiesn. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich habe nichts gegen das Oktoberfest. Auch nicht gegen das Biertrinken, und ficken soll auch jeder so viel er will, solange alles auf Freiwilligkeit basiert und im Einvernehmen passiert. Mir ist nur in diesen Tagen bewusst geworden, dass ich nach fünf Jahren zum ersten Mal nicht auf der Wiesn sein werde – und ich werde es wohl nicht vermissen.

Falls Sie hingehen: Viel Spaß. Bei was auch immer. 

Abkürzungen 

Grundsätzlich ist ja überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn man es sich im Leben ein bisschen einfacher macht. Menschen verbringen oft viel Zeit mit der Suche nach Lösungen, wie sie das gleiche Ergebnis mit weniger Aufwand oder innerhalb kürzerer Zeit erreichen können. Wer eine richtig dufte Idee hat, wie gleich mehrere oder ganz viele Menschen zum Beispiel Zeit sparen können, wird oft sogar als Held gefeiert. Zu Recht.

Wahrscheinlich ist es ganz normal und eine logische Folge, dass auch die Sprache  früher oder später „Opfer“ dieses Strebens werden musste. Eigentlich war sie es schon immer. Durch die Nutzung von Abkürzungen kann man natürlich Zeit und Aufwand sparen. Schreibt man nur „z. B.“ statt „zum Beispiel“, dann muss man nur fünf mal auf eine Taste drücken, statt zwölf mal. Das geht ja viel schneller. Aber erreicht man auch das gleiche Ergebnis?

Verfasst man eine wissenschaftliche Arbeit, egal ob Diplomarbeit, Dissertation, Master Thesis oder welche lustigen Arten es noch so gibt, wird man dringend dazu angehalten, ein Abkürzungsverzeichnis zu erstellen. Nach strenger Auslegung der Regeln muss darin jede Abkürzung enthalten sein, die in der Arbeit verwendet wurde. Warum? So wird sichergestellt, dass jeder Leser das gleiche Verständnis von dem haben kann, was man dort mit mehr oder weniger Aufwand aufgeschrieben hat. Eine coole Sache.

Wenn jeder weiß, was mit einer Abkürzung gemeint ist, ist alles gut. Aber in unserer schnelllebigen Zeit entstehen ja in der Kommunikation bei WhatsApp, Facebook, Twitter, etc. ständig neue Abkürzungen! Wie soll man denn da den Überblick behalten, wenn man so ganz nebenbei auch noch Zeit in einen Job und in ein richtiges Leben investiert? Die jungen Leute, die sind nämlich oft die Erfinder der Abkürzungen, müssen gut aufpassen, dass sie nicht in eine Geheimschrift verfallen, die ihre Eltern gar nicht mehr verstehen, wenn die mal überprüfen… nein, halt! Das tut natürlich niemand!

Man darf und kann selbstverständlich nicht erwarten, dass irgendwo irgendjemand für Greise wie mich fortwährend ein Abkürzungsverzeichnis führt. Also muss man sich die Dinge selbst erarbeiten (fragen würde natürlich sofort jedem zeigen, dass man hinter dem Mond lebt). Sonst kapiert man ja nichts mehr und wird irgendwann von allen Trends, den hippen News und dem neuesten heißen Scheiß in den Social Webs voll ausgegrenzt! Das geht ja nun echt nicht!

Früher, als es mit LOL und ROFL, oder HDL und HDGDL losging, das war ja noch einfach. Für ‚btw‘ und ‚ftw‘ habe ich schon ein bisschen länger gebraucht. Für Dinge wie ’sry‘ und ’srsly‘ habe ich einfach kein Verständnis, da denke ich mir immer ‚WTF?‘. Damit möge man mich doch verschonen, pls. Und das bitte asap! Es geht nämlich auch ohne, sogar wenn man in ein enges Korsett von bspw. 140 Zeichen gezwängt wird. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist es auch eine Form von Wertschätzung, wenn man sich und seiner Nachricht so viel Zeit und Raum gibt, wie sie braucht. Ansonsten könnte man sie ja auch einfach weglassen.

So, und spätestens jetzt drängen sich zwei interessante Fragen auf:

  1. Warum haben Sie diesen Text gelesen?
  2. Warum habe ich diesen Text geschrieben?

Die erste Frage müssen Sie sich selbst beantworten. Vielleicht haben Sie einfach zu viel Zeit. Oder Langeweile. Oder Sie wollten nett sein und mal gucken, was der Brause da geschrieben hat.

Eine wirklich gute Antwort auf die zweite Frage habe ich auch nicht. Dies soll auch nicht der Startschuss für eine Kampagne gegen die Verwahrlosung der Sprache sein, aber es gibt diese speziellen Situationen in denen einem schlagartig bewusst wird, wie doof man manche Dinge findet. Und das muss ja irgendwie raus.

Bei mir trug es sich eines Tages derart zu, dass mir jemand (den konnte ich vorher schon nicht gut leiden) eine Nachricht auf der Mailbox hinterließ, er sei auf dem Weg und „eta vierzehnhundert“. Da dachte ich so „Hm.“ und „Hä?“ und überlegte darauf rum, was das denn bedeuten soll, bis dieser Mensch schließlich um 14 Uhr in mein Büro trat. „eta vierzehnhundert“ stand als für die „estimated time of arrival“ um 14 Uhr. Geil. (Nicht.)

Am gleichen Tag bekam ich eine Email, als Antwort auf eine von mir gestellte Frage. Diese begann (übrigens ohne eine Begrüßung am Anfang, was ich ebenfalls ziemlich doof finde) mit „afaik ist es so, dass…“ Tja. „afaik“? Hier habe ich tatsächlich mal nachgefragt und erfahren, dass das angeblich die gängige Abkürzung für „as far as I know“ sein soll. Gängig am Arsch! Ich werde bald 40 und das habe ich noch nie gehört!

Naja, jedenfalls ist dieser Tag vielleicht der Auslöser dafür, dass ich das hier aufschreibe. Und wo wir jetzt schon mal so weit gekommen sind und unsere Zeit vergeudet haben, möchte ich Sie gerne zu einem kleinen Experiment einladen. Achten Sie doch mal einen ganzen Tag lang darauf, ob Sie Abkürzungen verwenden, die eigentlich nicht notwendig sind. Und wenn ja, dann verzichten Sie doch einfach mal darauf! Ich bin mir ziemlich sicher, dass das am Ende des Tages nicht dazu führt, dass Sie Ihre Lieblingsserie verpassen, Sie Ihre Katze nicht füttern können oder irgendetwas anderes nicht tun können, was Sie sonst so tun.

Ansonsten haben Sie bitte einfach eine gute Zeit und machen Sie die Welt ein bisschen besser. 

MfG, F. B.

Mitteilungsbedürfnis

So gut wie jeder Mensch hat das grundsätzliche Bedürfnis, sich seiner Umwelt mitzuteilen. Babys, Kinder, Jugendliche, Erwachsene, sogar Rentner, auch Sie und ich. Frauen manchmal mehr als Männer, Kinder oft mehr als Erwachsene. Das dürfte gemeinhin bekannt und keine bahnbrechende Erkenntnis sein. Spannend ist aber, wie unterschiedlich Menschen mit diesem Bedürfnis umgehen.

Da gibt es zum Beispiel die selbsternannten „Misanthropen“, die Menschen grundsätzlich nicht mögen oder sogar „hassen“, keinen Kontakt zu Ihnen wollen und stattdessen lieber den ganzen Tag in einer dunklen Höhle verbringen würden. Wenn sie dann doch mal nach „da draußen“ müssen, dann wenigstens mit einem Sichtschutz aus Haarsträhnen im Gesicht und dicken Kopfhörern als offensichtliches Zeichen, man möge bitte bloß nicht angesprochen werden. Witzig an diesen Zeitgenossen ist ja, dass sie oft nicht müde werden ihre ablehnende Haltung möglichst häufig mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen. Warum genau, das bleibt ihr Geheimnis, aber das scheint in Teilen der Gesellschaft als „schick“ zu gelten.

Und es gibt die, die sich kaum noch bremsen können. Die bei jeder Gelegenheit, gefragt oder ungefragt (eher letzteres), mehr oder weniger qualifiziert (eher letzteres) ihren Senf dazugeben. Die Kommentare schreiben, zu Artikeln auf Spiegel Online oder Geschichten in der Wendy, zu Postings auf Facebook, Twitter, Instagram, etc., in denen es in erster Linie darum geht, dem Verfasser mitzuteilen, dass man anderer Meinung und er doof ist. Die Krönung dieser Menschensorte sind dann wohl die, die unaufgefordert Bilder ihrer primären Geschlechtsorgane an fremde Leute schicken. Und auch hier bleiben die Motive für das Handeln oftmals im Verborgenen. Da sich solche Leute, quasi die „Schmuddelkinder des 21. Jahrhunderts“, selten offen als solche zu erkennen geben, kann man sie auch nicht einfach dazu befragen.

Zwischen den Extremen gibt es dann noch ganz normale Menschen wie Sie und mich. Jedenfalls finde ich mich einigermaßen normal. Rein statistisch ist mein Leben wahrscheinlich sogar nicht nur normal, sondern geradezu klischeehaft spießig. Aber ich finde mich darin zurecht und kann daran nichts Schlimmes finden. Dass ich Sie auch einfach in das Boot der normalen Menschen gesetzt habe, sehen Sie mir bitte nach. In meinem Leben habe ich viele Menschen kennengelernt und die meisten sind ziemlich normal, auch wenn viele es gerne nicht wären. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auch im weitesten Sinne „normal“ sind, schätze ich als relativ hoch ein.

Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich manchmal Dinge in meinem Kopf habe, die da irgendwie raus müssen. Aber nicht für alles ist in der Familie, im Job, bei Freunden oder beim Sport ausreichend Zeit und Raum, das loszuwerden. Für mein Mitteilungsbedürfnis brauchte ich also einen Kanal. So habe ich vor einiger Zeit den Kurznachrichtendienst Twitter für mich entdeckt, wo ich unter dem Namen @herrbrause auf 140 Zeichen reduziert irgendwelchen fremden (und ein paar nicht mehr ganz so fremden) Menschen das hinwerfe, was mir eben gerade einfällt. Manchen gefällt das, anderen nicht. Und das ist auch gut so.

In der letzten Zeit habe ich aber immer häufiger das Bedürfnis, auch längere Geschichten zu erzählen. Mein Mitteilungsbedürfnis – und hier schließt dann endlich der Kreis, der mit der Überschrift und der Einleitung zu diesem inzwischen viel zu langen Artikel begonnen wurde – steigt also. Und aus diesem Grund habe ich diese niedliche, unbedeutende, kleine Website eröffnet. Ich schreibe was (kostenlos und unverbindlich) und Sie können das lesen(ebenfalls kostenlos und unverbindlich).

„Worüber denn?“, mögen Sie sich fragen. Das wird sich zeigen. Jedenfalls werde ich Sie nicht mit meiner politischen Meinung belästigen. Sie werden hier auch keine Dinge finden, die gegen Gesetze verstoßen oder dem widersprechen, was allgemein als „anständig“ bezeichnet wird. Sorry.

Sie sehen also: Das hier ist eine Sache, die auf vollkommener Freiwilligkeit basiert. Wenn Ihnen das gefällt, was Sie hier lesen, dürfen Sie mir das gerne mitteilen. Darüber würde ich mich natürlich freuen. Wenn Ihnen das, was Sie hier lesen, nicht gefällt, dürfen Sie mir das auch sagen. Das werde ich aber einfach ignorieren.